Rundbrief


88499 Heiligkreuztal, im Advent 2018
Liebe Freunde,
wieviel Zeit verbringt ein Mensch mit seinem Smartphone? Die Unter-Sechzehnjährigen bringen es auf sechs Stunden pro Tag. Sie wollen wissen. Wer weiß noch, was wir an Weihnachten feiern?
Versteht noch jemand, warum Gott Mensch geworden ist? Warum Jesus in einem Stall geboren wurde? Papst Franziskus sagt, das Reich Gottes ist kein Karneval. Der Evangelist Johannes schreibt, das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.
Aber haben wir uns wirklich nach seiner Herrlichkeit gesehnt? Manche schon. Weil sie Sehnsucht hatten. Wer zu klein war, stieg auf einen Baum - wie der Zöllner Zachäus im Lukas-Evangelium.
Zachäus wollte schon immer hoch hinaus. Er war Oberzöllner. Er war nicht nur geizig, er war ehrgeizig. Er wollte immer noch mehr. Er wollte verstehen. Er verstand, den Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen. Er hatte alles, was man begehren konnte. Er verstand nur nicht, warum er so klein geblieben war - und so ungeliebt.
Als er hörte, dass Jesus kommt, wollte er Jesus sehen. Aber er schämte sich. Seine kleine Gestalt auf dem großen Baum wäre lächerlich für die Leute. Und für Jesus wäre sein Herz durchschaubar.
Aber Zachäus wollte Jesus sehen. Für Jesus war ihm kein Baum zu hoch.
Und Jesus hatte Zachäus schon gesehen - und er hatte ihn lieb gewonnen. Er ruft ihm zu: „Komm schnell herunter. Heute muss ich in deinem Hause sein!“ Und Zachäus schämt sich nicht mehr, er verschließt sich nicht mehr in der Traurigkeit, er lässt die Empörten stehen. Er nimmt Jesus auf in sein Haus und sein Herz.
Zachäus, der Geizige, freut sich, sein Geld zu teilen, mehr zu geben, als er genommen hat. In ihm glänzt der wahre Schatz, in seinen Augen leuchtet die Herrlichkeit: “Deinem Haus ist heute das Heil erschienen... Der Menschensohn ist gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu retten“. Zachäus hat nicht nur den wahren Schatz entdeckt, der Schatz hat ihn gefunden. Und er hat sich retten lassen.
Das ist es, was wir an Weihnachten feiern: Gott ist Mensch geworden, weil Gott die Menschen liebt. Darum wurde Jesus in einem Stall geboren: Weil er mit den Armen sein möchte. Kein Haus und kein Herz ist zu klein für ihn. Bei jedem will er sein und bleiben.
Im Haus St. Raphael erleben wir seit dreißig Jahren dankbar, dass Jesus bei uns wohnen will: in den Herzen unserer Gäste und bei uns selbst. In Erwartung der Eröffnung unseres Hauses schrieben wir Ihnen zum ersten Mal im Advent 1988. Im Vertrauen, dass Gott die begonnene Arbeit weiterführt, wird dieser Brief unser letzter sein.
Wir bleiben dankbar für das Geschenk der Eucharistie, der Eucharistischen Anbetung, des Stundengebets der Kirche und der täglichen Arbeit. Wir danken für jedes sichtbare Zeichen der unsichtbaren Liebe Gottes. Was wir zu viel erhalten, teilen wir mit anderen.
Grund unserer Dankbarkeit aber bleibt vor allem das Erleben der Barmherzigkeit Gottes durch die Güte der Menschen: durch das Empfangen und Geben, das Mitbeten, Mitdenken, Mitarbeiten oder einfach das Teilen des täglichen Brotes. Und mit diesen Gaben werden wir immer neu beschenkt.
Wir vertrauen auf Ihr Gebet und versichern Sie unseres Gebets für Sie.
Mit herzlichen Grüßen aus dem Haus St. Raphael in Heiligkreuztal

 
P. Dr. theol. Michael Marsch O.P.
Leiter des Hauses St. Raphael

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